Thomas Weber

Medien- und Kulturwissenschaftler

Projekt – Mediale Transformationen des “Holocaust”

Kaum sind historische Ereignisse des 20. Jahrhunderts so oft immer wieder aufs Neue mediatisiert worden wie die des Dritten Reichs, des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht über Hitlers Helfer berichtet wird, um nur eines der massenwirksamsten Fernsehformate des ZDF zur Aufarbeitung von Zeitgeschichte zu erwähnen. Neben dem Fernsehen sind jedoch sicher auch andere Medien wie Kinofilme, Romane, Comics, WebSites oder Gedenkstätten und nicht zuletzt auch Arbeiten von Historikern zu nennen, in denen eine unablässige Aufarbeitung und damit auch Re-Mediatisierung der Ereignisse versucht wird, die sich wie kaum ein anderes als Schockerlebnis ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben und doch zugleich auch der perpetuierten kulturellen Übermittlung bedürfen, da die Unfassbarkeit der Ereignisse an die Grenze des menschlich Fassbaren stößt und nicht zuletzt auch an die Grenzen des medial Darstellbaren.

Tatsächlich entziehen sich insbesondere die Ereignisse in den Vernichtungslagern einer medialen Fassbarkeit, da Bilddokumente rar und die wenigen vorhandenen fast ausschließlich von Tätern aufgezeichnet wurden, materiale Spuren in Form von Gebäuderesten, Akten oder Gegenständen sich nur indirekt dem kundigen Historiker erschließen, der Funktion und Zusammenhang kennt, und Zeitzeugen altersbedingt in wenigen Jahren kaum mehr zur Verfügung stehen.

Die Quantität der medialen Präsenz steht also in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zu tradierten Formen der Plausibilisierung durch den Bezug auf authentische Materialien, Aufzeichnungen und Zeugen, die für sich selbst sprechen könnten. An ihre Stelle treten Bearbeitungsformen, deren Kriterien (über die grundsätzliche Frage eines Bilderverbots hinaus, siehe Bannasch u.a.) bislang kaum debattiert wurden, da man bisher gewohnt war, die verschiedenen Phasen einer Aufarbeitung (oder auch Verdrängung) des Holocausts mit einer gesellschaftlichen und politischen Positionierung zu verbinden, die sich z.B. durch die Zuschreibung von Verantwortung profilierten – etwa in dem man sie einem kleinen Täterkreis um Hitler als „Volksverführer“ attribuierte (Fest u.v.a.) oder mit z.T. recht unterschiedlichen Argumenten auf die Schuld von breiten Bevölkerungsschichten abhob (wie etwa Goldhagen, Aly u.v.a.) oder sich gar nur auf die Opfer konzentrierte, um sich von der Schuldfrage zu entlasten. Ohne diese Positionierungen außer Acht lassen zu wollen, stellt sich jedoch angesichts der fortschreitenden Mediatisierung des Holocausts die Frage, ob sich nicht darüber hinaus ein kultureller, auch medienkultureller Paradigmenwechsel abzeichnet, der durch die Eigendynamik der Medien selbst charakterisiert wird und damit in einer Weise verändert, die sich nicht mehr direkt aus gesellschaftlichen und politischen Debatten ergibt (zumal die unmittelbaren Interessenkonstellationen von beteiligten, zeithistorisch involvierten Personen eine zunehmend geringere Rolle spielen).

Bei der massiven und z.T. auch popularisierenden Mediatisierung der Ereignisse in den letzten Jahren fällt vor allem die Tatsache einer forcierten Perspektivierung auf: Stärker als je zuvor wird in Täter- und Opferperspektiven differenziert und beinahe mit einer “point of view” – Technik erkundet. Ob nun ein Romancier wie Jonathan Littell mit Die Wohlgesinnten das Innenleben der Täter zu erkunden versucht oder ob ein Georges Didi-Huberman angesichts der vier, einzig bekannt gewordenen, von Auschwitz-Opfern selbst aufgenommenen Fotografien für eine Opferperspektive plädiert – in allen Fallen handelt es sich um die Einnahme eines Stand- und Blickpunktes, der mindestens ebenso politisch wie medientechnisch bzw. mediendramaturgisch motiviert erscheint.

Mithin wird (bei opferorientierten vielleicht stärker als täterorientierten Arbeiten) die Veränderung des Status von Authentizität angetrieben durch das allmähliche Verschwinden der Zeitzeugen und durch das damit einhergehende Verschwinden einer aus Unmittelbarkeit resultierenden Authentizität. Dies hat zwangsläufig verschiedene Formen der Mediatisierung zur Folge, womit sich nicht nur der Status von Indiz, Beweis und Zeugenschaft ändert (wie Jacques Derrida einmal anmerkte), sondern auch der Status von Authentizitätskriterien bzw. die Vorstellung von Plausibilität.

Ist die forcierte Perspektivierung bei der Aufarbeitung und Vermittlung an den Holocaust also neuen Formen der Mediatisierung selbst geschuldet? Stehen wir vor einem epochalen Wandel der Gedenkkultur? Welchen Spielregeln folgt sie? Sind Fragen nach Erinnerung und kulturellem Gedächtnis nicht zu ersetzen durch Fragen nach der Medialität von kulturellen Übermittlungsprozessen, und d.h. auch nach der Medialität von Gedenken?

Auch die Diskussion der Frage, inwieweit die Eigendynamik der Mediatisierung eine politische Positionierung überlagert oder politische Positionierungen sogar als Material für die eigene mediale Dramaturgie benötigt, lässt nun disziplinäre Diskursfelder aneinanderstoßen, die sich an unterschiedlichen Maßstäben und Kriterien orientieren.

Das Projekt „Mediale Transformationen des Holocausts“, das vom Netzwerk Mediologie (http://www.mediologie.avinus.de/2009/07/02/mediale-transformationen-des-holocaust/) angeregt wurde und  in Zusammenarbeit mit der Universität Bonn und dem AVINUS Verlag durchgeführt wird, sucht Antworten auf die hier skizzierten Fragen und schlägt drei Schwerpunktthemen vor:
I. Welche Phasen der Aufarbeitung des Holocausts hat es bisher gegeben und in welcher Weise waren diese mit spezifischen Medien oder medialen Mitteln verknüpft? Ist die aktuelle verstärkt zu beobachtende Mediatisierung des Holocaust eine eigenständige neue Phase? Lässt sie sich ähnlich wie in der Vergangenheit als Folge einer politisch motivierten Auseinandersetzung mit dem Holocaust interpretieren oder gewinnt sie eigenständige Züge, die sich von der politischen Debatte ablöst und eher in eine kulturelle Auseinandersetzung mit der Wiederkehr des Verdrängten mündet?
II. Welche materialen Probleme ergeben sich bei der medialen Darstellung des Holocausts? Wie kann Authentizität hergestellt oder gewahrt werden, auch wenn Zeitzeugen nicht mehr existieren oder andere materiale Spuren der Vernichtung? Welche Rolle spielt dabei die Eigendynamik von Medien? Welche Maßstäbe und Kriterien folgt sie und in welcher Weise wird dabei die Erinnerung an den Holocaust transformiert?
III. Wie kann man Erinnerung an die Ereignisse an eine neue, jüngere Generation übermitteln, die sie nur noch vom medialen Hörensagen kennen können und deren Medienerfahrungen andere sind als die bisheriger Generationen? Wie lässt sich diese Übermittlung so organisieren, dass sie Aufmerksamkeit bzw. ein Interesse erfährt? Und nicht zuletzt: Wie lässt sich diese Übermittlung glaubwürdig gestalten?

Zu dem Projekt findet eine Ringvorlesung an der Universität Bonn statt (http://uni-bonn-medienwissenschaft.de/aktuelles/internationalen-ringvorlesung-„mediale-transformation-des-holocaust“-startet-am-21-4-2010/sowie http://www.ifk.uni-bonn.de/aktuell/ringvorlesung-mediale-transformationen-des-holocaust). Für 2011 ist die Herausgabe eines Bandes im AVINUS Verlag geplant.

GCSC zur Eröffnung

Beeinflusst von der aus Frankreich stammenden Mediologie (Régis Debray u.v.a.), kreisen in den letzten Jahren meine Forschungsarbeiten – bzw. auch meine Aktivitäten als Verleger (AVINUS Verlag) und Herausgeber wissenschaftlicher Werke – um die Problematik der Materialität bzw. Medialität von kulturellen Übermittlungsprozessen, bei denen vor allem der Aspekt der Transformation im Vordergrund steht. Derzeit beobachten wir [...]

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